Der alkoholische Auszug (Tinktur)
Herstellung und Anwendung von Heilpflanzentinkturen
Alkohol ist das natürlichste Konservierungsmittel für pflanzliche Wirkstoffe. Alkoholische Auszüge sind wirkungsvoll, lange haltbar, praktisch im Gebrauch und - bei vorschriftsgemässer Dosierung - gesundheitlich unbedenklich.
Die konventionell hergestellte Tinktur
Die Heilpflanzen werden in einer alkoholischen Flüssigkeit ausgezogen und konserviert. Dazu müssen sie einwandfrei, frisch, sauber und abgetrocknet sein. Natürlich kann man auch aus getrockneten Drogen Tinkturen herstellen. Frische Pflanzen sind aber wenn immer möglich zu bevorzugen, weil durch die Trocknung wertvolle Wirkstoffe verloren gehen.
Bei frischen Pflanzen verwendet man auf einen Teil Pflanzensubstanz fünf Teile Alkohol. Als Flüssigkeit eignen sich Wodka oder Kartoffelschnaps (ca. 40%) sehr gut, da diese im Gegensatz zum üblichen Kernostbranntwein (Öbstler) keinen Eigengeschmack aufweisen. Sehr wasserhaltige Drogen sollten mit hochprozentigem Alkohol (60% oder mehr) angesetzt werden, weil der Alkoholgehalt der Tinktur durch das Wasser in den Pflanzenteilen noch sinkt.
Beispiel: 250 gr. frische Löwenzahnwurzeln wurden mit 450 ml Alkohol 75% angesetzt. Nach dem Abgiessen und Filtrieren blieben noch 260 ml Tinktur mit einem Alkoholgehalt von 57%. Mit dem Rest haben sich die Kompostbewohner ein Riesenfest gemacht.
Der Ansatz bleibt zwischen 10 und 30 Tagen fest verschlossen bei Zimmertemperatur und sollte jeden Tag bewegt werden. Die Dauer wird durch die Art der auszuziehenden Pflanzenteile bestimmt: Je widerstandsfähiger die Droge, desto länger lässt man sie ausziehen. Wurzeln oder Rinde brauchen länger als Blüten und zarte Blätter. Danach wird der Ansatz filtriert und die Tinktur in Braunglasflaschen abgefüllt. Dunkel und kühl gelagert ist sie jahrelang haltbar.
HAB-Frischpflanzentinkturen
HAB-Frischpflanzen-Presssaft-Tinkturen sind genau genommen keine Tinkturen, wenn man unter Tinktur einen alkoholischen Auszug versteht. Weil sie aber ähnlichen Inhalts sind und gleich wirken, werden sie dennnoch als Tinkturen bezeichnet.
HAB-Tinkturen werden nach der Vorschrift 1 des homöopathischen Arzneibuches (HAB) folgendermassen hergestellt: Die frischen, gereinigten und abgetrockneten Pflanzenteile werden möglichst schonend ausgepresst und der Saft sofort mit der gleichen Gewichtsmenge Alkohol 86% vermischt. 5 Tage bei maximal 20°C ruhen lassen und dann filtrieren.
Der Vorteil dieser Methode ist, dass die Pflanzen selbst nicht mit dem Alkohol in Verbindung kommen. Beim Auspressen bleiben die meist alkohollöslichen Verschmutzungsrückstände (Umweltgifte) auf den Pflanzen. Der Saft ist reiner als bei einer Direktmazeration in Alkohol. Der Alkohol wird hier nur zur Haltbarmachung zugesetzt.
Zum Auspressen der Pflanzen ist allerdings ein guter Entsafter mit Presskolbentechnik erforderlich. Ein solches Gerät kostet weit mehr als 500 Franken; eine Anschaffung, die sich nur lohnt, wenn es häufiger benutzt wird. In einer handwerklich orientierten Naturkost-Küche lassen sich damit viele feine Sachen herstellen: Säfte für Fastenkuren, Pasten zum Backen, Fruchtriegel, Teigwaren und so weiter. Zentrifugalentsafter aus dem Warenhaus (Anschaffungskosten 50 bis 150 Franken) sind für diesen Zweck in den meisten Fällen nicht geeignet.
Innerliche Anwendung von Tinkturen
Tinkturen sind Heilpflanzen in Tropfenform. Sie sind ein idealer Ersatz für Kräutertee, wo es nicht möglich ist, sich einen solchen zu bereiten.
Dosierung (sofern keine anderen Angaben vorhanden sind): 3mal täglich 20 Tropfen. Kinder 3mal täglich 1 Tropfen pro Lebensjahr.
Es ist sehr praktisch, Tinkturen aus Pflanzen, die als Tee eine längere Zubereitungszeit erfordern, vorrätig zu haben. Wurzel-Drogen wie zum Beispiel Baldrian, die für die Tee-Zubereitung längere Zeit gekocht oder ausgezogen werden müssten, sind so sofort verfügbar.
Alkohol für Abstinente? Kein Problem!
Heilpflanzen-Tinkturen dürfen Sie innerlich selbst dann ohne Reue anwenden, wenn Sie Alkohol sonst völlig meiden wollen. Eine übliche Gabe von 20 bis 30 Tropfen, eingenommen in 2 dl Wasser, enthält nicht mehr Geist, als in Ihrem Körper bei der Verdauung einer reifen Frucht entsteht. Eine Banane bringt beim Gärprozess etwa 0.6%, eine Portion Sauerkraut 0.5% Alkohol in den Körper.
Äusserliche Anwendung von Tinkturen
Eine Tinktur zum einreiben, pinseln, sprayen oder als Auflage sollte nicht mehr als 25% Alkohol enthalten. Gegebenenfalls kann man sie mit Wasser verdünnen. Bei stärkeren Tinkturen oder bei empfindlichen Personen oder Hautverhältnissen empfiehlt sich vor der Anwendung, benachbarte Hautareale mit einer Fettsalbe abzudecken. Nach der Anwendung sollte die Haut in jedem Fall mit einer guten Crème (z.B. mit Ringelblume) gepflegt werden, denn Alkohol trocknet die Haut aus.
Zum spülen und gurgeln wird eine Tinktur im Verhältnis 1:10 mit Wasser verdünnt (10 bis 20 Tropfen Tinktur auf einen rechten Schluck Wasser). Gurgeln oder den Mund intensiv - mehrere Minuten - spülen («durch die Zähne ziehen»). Das Gurgelwasser sollte nicht geschluckt werden.
Tinkturen lassen sich gut als Basis von Raumsprays verwenden. Um Sprays intensiver zu machen, gibt man zusätzlich ätherische Öle hinzu. Mit Restbeständen von Tinkturen kann man sich auch gut ein Kräuterbad zubereiten (Richtwert: 5 bis 10 Esslöffel auf ein Vollbad).
Zum Thema Heilen mit Tinkturen verweise ich gerne auf das Buch Heilen mit Frischpflanzentropfen von Bruno Vonarburg.
