Die Professionalisierung der Erfahrungsheilkunde
Warum die gleiche Leistung immer mehr kostet
In den letzten Jahren wurde durch die Krankenkassen und deren Zudiener im Bereich der Erfahrungsheilkunde ein eklatanter Professionalisierungsschub eingeleitet, der hohe Kosten nach sich zieht.
Was bei umfassend arbeitenden Naturärzten und Heilpraktikern durchaus Sinn machen kann, ist für Massagetherapeuten und Praktiker, die vor allem Hilfe zur Selbsthilfe anbieten, weit über das Ziel hinausgeschossen.
Eine manuell-energetische Behandlung wird nicht in dem Masse besser, wie die Aufwendungen dafür im Umgang mit Krankenkassen, Verbänden und Verwaltungsfirmen steigen. Wenn das so wäre, wie uns diese Professionalisierungsneurotiker weiszumachen versuchen, wäre eine Massage vor 30 Jahren zumindest sehr schädlich, wenn nicht gar tödlich gewesen.
Mit Qualitätslabeln, Zertifizierungen und anderen theoretischen Werten versuchen sich Firmen und Organisationen, deren eigene Qualifikationen vor allem im Bereich Organisation, Dienstleistung und Mittelbeschaffung liegen, ins Gesundheitswesen einzuklinken.
Wer nicht zahlt, darf nicht arbeiten
Selbsternannte «Hüter der Qualität», Verwaltungsorganisationen wie das erfahrungsmedizinische Register EMR oder die Stiftung ASCA, verwerten Leistungen, die andere erbracht haben. Mit der «Erschaffung von Qualitätslabeln» versuchen sie, gegen viel Geld eine Professionalität zu verkaufen, die nicht hält, was sie verspricht.
Wenn ein Therapeut nicht bereit ist, ohne verwertbare Gegenleistung jährlich Tausende von Franken in Verwaltungsaufwendungen, Registrierungen und Weiterbildungs-Kontrollen zu investieren, werden ihm die Kompetenzen abgesprochen und der Zugang zu den Krankenkassen-Zusatzversicherungen im Bereich der Komplementärmedizin bleibt ihm verwehrt. Was hier als Dienstleistung mit dem hippen Schlagwort "Professionalisierung" verkauft wird, geht eigentlich eher in Richtung Schutzgelderpressung. Entweder man zahlt, oder man wird kaltgestellt.
Wenn gut ausgebildete Therapeuten mit grossem Erfahrungshintergrund eines Tages über die Klippe einer Papier-Professionalität springen müssen, werden individuelle Behandlungen, die einen gewissen Zeitaufwand erfordern, unbezahlbar.
Aber auch die besten Zertifizierungen können ihren Wert von Heute auf Morgen verlieren, denn deren Anerkennung ist jeder Versicherung freigestellt. Wer eine Krankenkassen- Zusatzversicherung abschliesst, sollte sich deshalb gut überlegen, bei welcher Gesellschaft er das tut. Die Helsana- Zusatzversicherungs AG hat schon vor Jahren aufgezeigt, dass sich mit dem Ausdünnen des Therapie-Angebots viel Geld einsparen lässt.
Finanzielle Konsequenzen für den Patienten
Die Kosten, die durch die fortschreitende «Professionalisierung» entstehen, sind für kleinere Anbieter neben den eigentlichen Betriebskosten die grössten Ausgaben. Sie fallen bei der Tarifgestaltung immer mehr ins Gewicht.
Bekam der Klient vor 10 Jahren eine Behandlung von etwa einer Stunde Dauer noch für 90 bis 100 Franken, sind heute in städtischen Gebieten 120 Franken für eine Therapieeinheit, die dann oftmals keine 60 Minuten mehr dauert, keine Seltenheit mehr.
Das nicht etwa, weil die Therapeuten mehr verdienen oder weil die Behandlungen um dieses Mass besser geworden wären, sondern weil der Verwaltungsaufwand unverhältnismässig angeschwollen ist. Ein Aufwand, der dem Ratsuchenden absolut nichts bringt. Er möchte Beratung, Behandlung und Engagement, greifbare Leistungen also, deren Aufwand er nachvollziehen kann.
Aus diesem Grund gelten in der Irchelpraxis verursachergerechte Tarife: Klienten, die die Behandlungskosten selbst übernehmen, helfen, den administrativen Aufwand in Grenzen zu halten und profitieren von einem stark vergünstigten Tarif.
Volksheilkunde professionalisieren?
Sebastian Kneipp würde sich im Grabe drehen, wenn er erführe, dass der Therapeut der Eskamed AG, der Mutterfirma des EMR, 330 Franken zahlen muss, bevor der Klient Instruktionen für einen kalten Knieguss der Zusatzversicherung seiner Krankenkasse anmelden darf.
Wenn Krankenkassen mit Kosteneinsparungen wirklich ernst machen wollten, müssten sie die Förderung solcher Methoden unterstützen. Stattdessen überlässt man es einer «Aktiengesellschaft für Heilkompetenz», die Anwendung eines simplen Kniegusses einem «Qualitätslabel» zu unterstellen, ohne dieses die Kneipp-Methoden nicht über die Kassen abgerechnet werden können.
Hilfestellungen wie die Kneipp-Anwendungen sind ein Paradebeispiel für effiziente Selbsthilfe. Sie sind einfach anzuwenden, sehr wirkungsvoll und kosten fast nichts. Die Vermittlung solcher Methoden sollte bei Prävention und Heilung zum Pflichtstoff gehören. Stattdessen wird sie von Schreibtischtätern behindert und mit Kosten belegt.
Schöne Bilder von Kneippanlagen sieht man in der Werbung einzelner Krankenkassen wohl, aber wenn es darum geht, Hilfesuchenden anlässlich einer Therapie den Einstieg zu ermöglichen, versteckt man sich lieber hinter billigen Vorwänden.
Die Fortsetzung der Geschichte könnte etwa so aussehen, dass ein kneippscher Guss dereinst nur noch dann für wirksam erklärt wird, wenn er von einer Verwaltungsfirma für teures Geld zertifiziert wurde.
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