Das erfahrungsmedizinische Register EMR
Eine persönliche Kritik aus der Sicht des Therapeuten
Das erfahrungsmedizinische Register EMR ist eine marktwirtschaftlich organisierte private Firma, die im Auftrag vieler Krankenkassen Qualitätskriterien für nichtärztliche Therapeuten schafft und kontrolliert. Das EMR handelt mit einem selbsterschaffenen Gut, das alle Therapeuten, die wirtschaftlich überleben wollen, haben müssen: Dem Schlüssel zu den Zusatzversicherungen der Krankenkassen.
Die Haupttätigkeit des EMR, die vielbeworbene Qualitätskontrolle, ist eine Verwertung von Leistungen, die andere erbracht haben. Das EMR eignet sich Qualifikationsdaten der Therapeuten und der Ausbildungsstätten an und siebt sie durch einen selbst definierten Filter. Dieses Vorgehen nennt man dann "Erschaffung eines Qualitätslabels", ein «Produkt», das für teures Geld verkauft wird.
Die zentrale Therapeutenregistrierungsstelle hat seit ihrer Schaffung 1999 einigen Staub aufgewirbelt. Dies weniger wegen ihrer Existenz als vielmehr wegen der Art und Weise ihres Auftritts. Dass eine private Aktiengesellschaft, die eine dermassen weitgreifende Schlüsselrolle in der Natur- und Erfahrungsheilkunde innehat, nicht ganz unumstritten ist, liegt auf der Hand.
Vor allem zu Beginn seiner Tätigkeit hat das EMR mit dem eisernen Besen gekehrt und seine einzigartige Stellung schamlos ausgenutzt. Ein zaffer Befehlston, verbunden mit einschneidenden restriktiven Bestimmungen und administrativen Schikanen brachte Unruhe in die Branche und erzeugte ein Klima der Angst und Einschüchterung.
10 Jahre EMR: Entspannung der Fronten
Seit sich das EMR als Institution etabliert hat, ist der Umgang mit den Leistungserbringern spürbar anständiger geworden. Zum 10jährigen Jubiläum wurden die Leistungserbringer auf der Website sogar mit «Liebe Therapeutin, lieber Therapeut» begrüsst, mit Dank überschüttet und reich beschenkt, so dass es einem richtig warm ums Herz werden sollte.
Der Duden definiert Liebe als eine starke, im Gefühl begründete Zuneigung. Bei aller Herzensgüte, Frau Doktor Keberle, das kaufe ich Ihnen nun doch nicht ab. Man nimmt aber gerne zur Kenntnis, dass es beim EMR auch andere Töne gibt.
Nicht nur die Anrede im Jubiläumsschreiben, auch der Ton innerhalb der Geschäftsbedingungen hat sich im Lauf der Jahre stark verändert. Nüchtern gebellte Befehlssätze sind einem anständigen Ton gewichen, die Therapeuten werden nun eher als Partner behandelt.
Das EMR musste sich in den vergangenen Jahre oft vorwerfen lassen, unklar, kompliziert und unnötig einengend zu kommunizieren. Mittlerweile wurde das Kommunikationskonzept grundlegend überarbeitet. Die Bemühungen zur Öffnung und Professionalisierung sind offensichtlich.
Zahlen ohne Gegenleistung
Was bleibt, ist ärgerlich genug. Der Leistungserbringer erhält mit der Registrierung keinerlei Gegenleistung. Das EMR stellt nur eine absolut unverbindliche Empfehlung zu Handen der Krankenkassen aus. Die angeschlossenen Kassen entscheiden selbstständig, ob und in welchem Umfang sie sich kostenmässig an den Leistungen der registrierten Therapeuten beteiligen. Im besten Fall kann sich ein Versicherer im Rahmen einer Zusatzversicherung an den Behandlungskosten beteiligen, wenn der Therapeut die entsprechende Therapiemethode beim EMR gegen hohe Gebühren registriert hat. Eine Verpflichtung dazu besteht aber in keinem Fall.
Den Versicherern bleibt es überdies vorbehalten, bestimmte Behandlungsmethoden oder Ausbildungen von einem Tag auf den anderen nicht mehr anzuerkennen oder Leistungserbringer aus anderen Gründen auszuschliessen.
Was das im Klartext heisst,
hat die Helsana Zusatzversicherungen AG per 2007 mit aller Deutlichkeit demonstriert. Die Versicherung hat allen betroffenen Therapeuten mitgeteilt, dass sie innert Monatsfrist ihren Kunden nur noch Behandlungen vergüten werde, die von SRK-zertifizierten medizinischen Masseuren durchgeführt werden oder die andere enge Bedingungen erfüllen.
So wird der manuell-energetische Therapeut mit 20 Jahren Berufserfahrung trotz EMR-Registration von der Leistungsbeteiligung der Kasse ausgeschlossen. Doch nicht nur die Therapeuten werden abgestraft; auch für die Versicherten verschlechtert sie die Lage: Viele ausgewiesene Fachleute werden von der Kasse nicht mehr als Leistungsrebringer akzeptiert und verschwinden mit der Zeit von der Bildfläche. 1:0 für die Abzocker. Mehr zum Thema Helsana lesen Sie hier.
Ein neues Krankheitsbild: Die chronische Zerdienstleistung
Vor Einführung des EMR mussten die Leistungserbringer mit jeder Krankenkasse Einzelverträge abschliessen. Heute wird der administrative Aufwand zentral vom EMR geführt.
Die Kosten, die durch diese Synergien eingespart werden, kommen aber nicht etwa den Versicherten zu Gute. Sie werden von der Eskamed AG, die das EMR betreibt, als Entgelt für die Leistungen kassiert. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden; jeder, der eine clevere Idee verwirklicht, soll daran angemessen verdienen dürfen.
Dieses Mass wird vom EMR jedoch arg strapaziert. Heute zahlen in erster Linie die Therapeuten, damit sie überhaupt arbeiten dürfen. Die grossen Profiteure sind neben den Kassen die Eskamed AG oder die Stiftung ASCA, die eine ähnliche Funktion wie das EMR ausübt.
Im Dunstkreis dieses Düngers wachsen weitere sonderbare Blüten: So etwa die "eidgenössische Gesundheitskasse" EGK, die eine für ihre Versicherten nicht frei zugängliche Therapeutenliste führt, welche von den Therapeuten finanziert wird. Das ist Dienstleistung à la EGK: Die Therapeuten arbeiten und zahlen, die Kasse verwaltet und kassiert.
Geld regiert die Welt
Das EMR finanziert sich aus den Gebühren der Therapeuten, und dies nicht eben bescheiden. Der Aufwand des EMR und die dafür verlangten Gebühren stehen in den meisten Fällen in einem krassen Missverhältnis zueinander. Die Registrierung nur einer einzigen Methode kostet einen Therapeuten im ersten Jahr weit über 500, in den Folgejahren immer noch satte 330 Franken. Allfällige Fragen werden über eine Hotline beantwortet. Bis Ende 2007 kostete ein solcher Anruf Fr. 3.13 pro Minute, das waren beinahe 200 Franken pro Stunde. Erst die Intervention des Preisüberwachers hat mit dieser Abzocke Schluss gemacht. Als Kompensation hob das EMR 2009 die Gebühren um 10% an.
Man muss sich das einmal vorstellen: Etwa 16'000 Therapeuten sind beim EMR registriert. Wenn jeder auch nur eine einzige Methode angemeldet hat, kommen da 5.3 Millionen Franken pro Jahr zusammen. Inklusive Neu- und Mehrfachregistrationen und der Gebühren, die die Versicherer dem EMR für die Therapeuten-Daten abzuliefern haben, sind das schätzungsweise gegen 10 Millionen Franken pro Jahr, die die Eskamed AG absahnt, ohne dass der Therapeut dafür eine wirtschaftlich verwertbare Gegenleistung bekommt.
Die Inflation der EMR Gebühren
Kostete die Erstregistrierung einer Heilmethode in den Anfangszeiten des EMR noch keine 250 Franken, waren schon wenige Jahre später bereits mehr als 500 Franken dafür zu zahlen. Die Kosten der jährlichen Überprüfung ist im gleichen Zeitraum von 166 auf 330 Franken gestiegen. Reichten für die jährliche Erneuerung von 3 Methoden einst 30 Stunden Fortbildung, müssen heute bereits 60 Stunden nachgewiesen werden.
Eine Stunde Fortbildung kostet mindestens 30 Franken. Dazu kommen Arbeitsausfall, Reise, Unterkunft und Verpflegung. Bei auch nur drei registrierten Methoden sind das schon über 4000 Franken jährlich, ein Betrag, der ein kleines Budget unverhältnismässig stark belastet. Hier entsteht ein guter Teil der Kosten, die schlussendlich der Klient durch stetig steigende Behandlungstarife zu tragen hat.
Um dieser unbefriedigenden Situation Rechnung zu tragen, haben einige Therapie-Anbieter ein abgestuftes Honorarsystem eingeführt. Auch in der Irchelpraxis erhalten Klienten, die den administrativen Klumpfuss nicht beanspruchen, grossen Rabatt auf die Behandlungen.
Fragwürdige Fortbildungs-Qualität
Um die Registration zu erhalten, verpflichten sich die Therapeuten zur regelmässigen Fortbildung. Deren Inhalt wird vom EMR vage vorgegeben, inhaltlich aber mangelhaft überprüft. Es gibt keine Vorabklärungsmöglichkeit; Fortbildungen werden vom EMR eigenmächtig akzeptiert oder abgelehnt. Die Paxis zeigt zudem, dass nicht immer der Inhalt, sondern vor allem die Dauer der Kurse massgebend ist. Damit verkommt das vielbeworbene EMR-Qualitätslabel zur simplen Quantitätskontrolle.
Die Selbsterfahrung und Integration komplexer Zusammenhänge im natur- und volksheilkundlichen Bereich werden nicht als Weiterbildung akzeptiert, selbst wenn der betriebene Aufwand bestens dokumentiert ist. Auch die Vertiefung in energetische oder mediale Heilmethoden wird nicht als anrechenbare Fortbildung akzeptiert, weil diese Methoden durch den pseudowissenschaftlichen Raster des EMR fallen.
Auf der anderen Seite werden aber Promotionsanlässe für teure Geräte, deren Funktionsprinzip wissenschaftlich keineswegs gesichert ist, als Fortbildung akzeptiert. Es entsteht der Eindruck, dass das dozieren wirtschaftlicher Interessen in sterilen Seminaren stärker gewichtet wird, als praxisnahes Lernen und Erleben.
Das EMR verlangt für die Fortbildungskontrolle eine gewisse Anzahl Stunden (zu 60 Minuten, wie das Reglement ausdrücklich erwähnt). Es gibt Weiterbildungs-Anbieter, die dem Teilnehmer für einen einzigen Kurstag ganze acht EMR-anrechenbare Stunden attestieren. Damit werden Kurse gefüllt, die sonst nicht diesen Zulauf hätten. Pausen und Mittagessen miteinbezogen, müsste ein solcher Kurstag mindestens zehn Stunden dauern. Das glaubt doch kein Mensch! In diesem Fall hat sich beim EMR nicht nur die Qualitäts- sondern auch die Quantitätskontrolle verrechnet. Oder kommt es am Ende auch noch ein bisschen darauf an, wer der Anbieter ist? In dubio pro reo, ich lasse die Frage offen.
Professionalisierung
Die Professionalisierung der Erfahrungsheilkunde bringt neben unbestreitbaren Vorteilen auch viele Nachteile mit sich. Professionalität muss von externen Körperschaften beurteilt werden. Ob diese kostenintensiven Dienstleistungen dem Patienten bringen, was sie versprechen, darf zumindest angezweifelt werden.
«Professionalisierung» heisst auch weg von der Volksheilkunde, weg vom handfesten, aus dem Leben gegriffenen Handeln. Weg vom praktischen und kostengünstigen Heilen in Eigenverantwortung. Hin zur Kopfarbeit und theoretischem Wissen, zu einer Pseudowissenschaftlichkeit, die ihre Wurzeln verloren hat. Hin zu Fremdverantwortung, Dienstleistung, teuren Maschinen und hohen Kosten. Mehr zum Thema Kostenfolgen der Professionalisierung lesen Sie hier.
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